Unterrichtsentfall

Ausz√ľge aus dem Brief einer erfahrenen Elternvertreterin und Mutter

In meiner Tätigkeit als Klassenelternvertreterin bzw. Elternvereinsobfrau .... war ich bereits vor Jahren mit der an vielen steirischen Schulen verbreiteten Praxis konfrontiert, dass bei allen möglichen Gelegenheiten (wie etwa nach Schulgottesdiensten zu Schulbeginn, Weihnachten, Ostern oder auch einfach vor den Semester oder Sommerferien), Unterrichtsstunden in unterschiedlichem und offenbar beliebigem Ausmaß entfallen sind. (Kundgetan durch einfache Mitteilung im Elternheft: z.B.: Unterrichtsschluss um 9 Uhr)

Schon damals habe ich mich bei Mag. Wippel eingehend √ľber die entsprechenden gesetzlichen Bestimmungen informiert, habe das Problem sowohl mit der damaligen Direktorin als auch mit der zust√§ndigen Bezirkschulinspektorin (...) besprochen und die Einhaltung der gesetzlichen Bestimmungen eingefordert. Ich erlebte dabei sehr viel Widerstand und eine ausgesprochen gro√üe Uneinsichtigkeit in Bezug darauf, dass diese Praxis trotz ihrer weiten Verbreitung weder gesetzlich gedeckt noch den heutigen gesellschaftlichen Gegebenheiten angepasst ist. Sogar Teile der Elternschaft wurden mobilisiert, um die "Interessen" der Lehrerschaft zu unterst√ľtzen und die berechtigte Forderung nach Einhaltung der gesetzlichen Bestimmungen wurde als pers√∂nliche Attacke gegen die Lehreschaft und i -T√ľpferl - Reiterei einzelner Querulanten dargestellt.

Nach jahrelangen und teilweise sehr zerm√ľrbernden Diskussionen, in denen es auch innerhalb der Elternschaft nur allzu oft um "gute" (die ihren Kindern die zus√§tzliche Freizeit g√∂nnen) und "schlechte" (deren arme Kinder in der Schule bleiben "m√ľssen") Eltern ging, hatte sich in den letzten Jahren an unserer VS doch gr√∂√ütenteils eine korrekte Vorgangsweise etabliert. Das hei√üt, es entfielen zu den erw√§hnten Anl√§ssen kaum mehr zus√§tzliche Unterrichtsstunden. ......... F√ľr mich blieb es allerdings immer v√∂llig unverst√§ndlich, dass es offenbar nur dort m√∂glich ist, die Einhaltung der gesetzlichen Bestimmungen auch in der Praxis durchzusetzen, wo einzelne Eltern regelrecht daf√ľr k√§mpfen. ..................

Als das Thema heuer vor Weihnachten nach einem Direktorinnenwechsel an unserer VS wieder aktuell wurde, bemerkte ich, wie sich meine diesbez√ľgliche Geduld dem Ende zu neigte und mir gleichzeitig auch bewu√üt wurde, dass sich das Problem eben leider NICHT durch den Einsatz einzelner Eltern an EINER Schule l√∂sen l√§sst, da es sich um ein systematisches und strukturelles Problem handelt. ..............
An der VS ....wurde schließlich ein neues Schreiben an die Eltern ausgeschickt, wo es nun zumindest die Möglichkeit gab, anzukreuzen, ob das Kind nach dem Gottesdienst nach Hause gehen "darf" oder in der Schule bleiben soll. Auch in der HS ......gab es nach der Intervention einer Mutter zumindest die Möglichkeit, dass die Kinder in der Schule bleiben.

Das grundlegende Problem kann aber dadurch nat√ľrlich nicht gel√∂st werden und es liegt meiner Ansicht nach auch ganz deutlich in der Verantwortung des Landesschulrates hier endlich eine steiermarkweit einheitliche Vorgangsweise durchzusetzen.
Es kann doch nicht sein, dass der LSR als oberstes Aufsichtsorgan mittlerweile schon √ľber beinahe ein Jahrzehnt (Erlass des Landesschulrates: religi√∂se √úbungen -Feststellung des Ausma√ües Wiederverlautbarung: VIII Re 1/40 ‚Äď September 2003) nicht f√§hig ist, diesen (vor allem ja auch f√ľr die Schulen, die sich an die Bestimmungen halten) sehr ungerechten Zustand zu beenden.

Zusammenfassend m√∂chte ich noch einmal die Punkte festhalten, die ich √ľber die Jahre (mein erster Sohn kam 2003 in die Schule) in diesem Zusammenhang als problematisch erlebt habe:

Der √ľberwiegende Gro√üteil der Eltern wei√ü √ľber die gesetzlichen Grundlagen nicht ausreichend Bescheid und akzeptiert daher widerstandslos, wenn Unterricht aus welchen Gr√ľnden auch immer einfach "abgesagt" wird.
Allerdings scheint auch vielen DirektorInnen nicht klar zu sein, dass der allgemeine Entfall von Unterricht nach religiösen Übungen oder einfach vor Ferienbeginn, usw. nicht gesetzlich gedeckt ist!

Oftmals wird auch so getan, als wäre eine quasi vorgezogene Nachmittagsbetreuung (die ja von den Eltern bezahlt wird) die Lösung des Problems.

Eltern, die sich informieren und daraufhin eine korrekte Vorgangsweise einfordern, bekommen ganz schnell einen "schlechten Ruf" bei Teilen der Lehrerschaft, werden als einzelne Unruhestifter abgestempelt.
Das wiederum fördert die Entsolidarisierung, das "Hintenherum Schimpfen" und untergräbt die ohnehin schon nicht sehr ausgeprägte Zivilcourage innerhalb der Elternschaft. (Was aus meiner Sicht auch bildungspolitisch äußerst bedenklich ist, denn schließlich werden Kinder bekanntermaßen am allermeisten durch unsere Vorbildwirkung geprägt!

Das vordergr√ľndige "Interesse" der LehrerInnen in dieser Angelegenheit scheint der Entfall von Unterrichtsstunden zu sein (anders l√§sst sich wohl kaum erkl√§ren, dass diese Praxis von gewissen Kreisen der Lehrerschaft so vehement verteidigt wird!). Durch viele Gespr√§che mit engagierten Lehrerinnen und Lehrern ist mir allerdings klar geworden, dass viele von ihnen, diesen Zustand als unbefriedigend und das vordergr√ľndige "Interesse" eher als "Besch√§digung des Berufsstandes" in der √Ėffentlichkeit erleben.

Die ambivalente Haltung des Landesschulrates in dieser Angelegenheit (einerseits klare rechtliche Auskunft:"es gibt KEINE rechtliche Grundlage f√ľr den Unterrichtsentfall!", andererseits wieder Relativierung dieser Aussage durch einzelne Organe des LSR bzw. der BSR und vor allem mangelnde Kontrolle bei der Umsetzung!) verunsichert bzw. frustriert Eltern. Bei mir pers√∂nlich ist sogar oft der Eindruck entstanden, dass ganz bewusst die Verantwortung zwischen Landesschulrat, Bezirksschulrat und DirektorInnen hin und her geschoben wird, um Eltern "m√ľrbe" zu machen.
Selbst die geltende Auslegung, dass Eltern 2mal pro Schuljahr eine Freistellung vom Unterricht nach religi√∂sen √úbungen beantragen k√∂nnen, ist meiner Meinung nach alles andere als zeitgem√§√ü. Jedenfalls fehlt darin aber jegliche Aussage √ľber die Kinder, die ohne Bekenntnis sind oder anderen Glaubensgemeinschaften angeh√∂ren. Oder ist der LSR der Meinung, dass auch solchen Kindern nach dem Besuch eines katholischen Gottesdienstes kein Unterricht mehr zumutbar ist???



Wenn klar ist, dass Unterricht stattfindet und Eltern so wie eigentlich vorgesehen, die Freistellung ihres Kindes im Einzelfall beantragen m√ľssen, wird diese M√∂glichkeit meiner Erfahrung nach nicht oder kaum in Anspruch genommen. Sobald Formulierungen wie "mein Kind darf nach dem Gottesdienst nach Hause gehen" ins Spiel kommen, sieht die Sache nat√ľrlich anders aus. Umso mehr nat√ľrlich, wenn davor ohnehin schon der Entfall des Unterrichts angek√ľndigt wurde. Hier wird auf subtile, aber im Endeffekt doch recht leicht durchschaubare Weise beeinflusst und so getan als k√∂nnten Eltern pl√∂tzlich dar√ľber "abstimmen", ob Unterricht stattfindet oder nicht.
Die vielger√ľhmte ‚ÄúSchulpartnerschaft‚ÄĚ offenbart sich f√ľr etwas kritischere Eltern daher oft als recht scheinheilige Angelegenheit, die nicht der offenen Diskussion, sondern einem mehrheiltlichen Absegnen von vorher bereits festgelegten Entscheidungen dient.
(Bsp.: Schulautonome Tage: Hier habe ich in fast 10 Jahren Schulkarriere meiner Kinder noch NIE erlebt, dass von Seiten der Lehrerschaft, dar√ľber aufgekl√§rt wurde, dass man auch weniger als 5 oder sogar KEINEN schulautonomen Tag beschlie√üen k√∂nnte.)

Aufgrund der gleichbleibenden Taktik des LSR, an die Bezirkschulinspektoren zu verweisen und so zu tun als handle es sich hier um seltene Einzelfälle, habe ich mich diesmal ein wenig im Freundes- und Bekanntenkreis umgehört und aus diesen Angaben (ohne Gewähr) eine beispielhafte (also keineswegs vollständige) Sammlung von Vorgangsweisen an einigen steirischen Schulen zusammengestellt. *
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Ich denke diese kleine Sammlung zeigt sehr gut, dass es sich hier um ein strukturelles Problem und nicht um "Einzelfälle" handelt, auch wenn viele Schulen bereits eine korrekte Vorgangsweise wählen.
Ich fordere daher die zuständigen Organe des Landesschulrates bzw. die politischen
Verantwortungstr√§gerInnen auf, hier endlich eindeutig Stellung zu beziehen und die entsprechende Umsetzung zu gew√§hrleisten, ohne, dass sich Jahr f√ľr Jahr wieder einzelne Eltern "beschweren" m√ľssen, um eine Selbstverst√§ndlichkeit durchzusetzen.
Wir sind der Meinung, dass es unseren gut ausgebildeten und motivierten P√§dagogInnen, durchaus zuzutrauen ist, auch nach Gottesdiensten oder am letzten Tag vor Ferien, sinnvolle, kindgerechte und dem jeweiligen Anlass entsprechende Unterrichtsstunden zu gestalten, ohne dass bis zur letzten Sekunde ‚Äúgepaukt‚ÄĚ werden muss.
Abschließend möchte ich auch im Namen der mitunterzeichenden Eltern noch einmal betonen, dass dieses Schreiben dezidiert als konstruktiver Beitrag von Eltern zu sehen ist, die sich als Schulpartner im ehrliche Sinne des Wortes sehen und auch so behandelt werden wollen!
Wir ...........verbleiben in der Hoffnung auf eine rasche und anhaltende Lösung dieser Angelegenheit!
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* Anm.: Das Ergebnis dieser ‚ÄúErhebung‚ÄĚ unterscheidet sich bedauerlicherweise nicht von denen, die seitens des Landesverbandes im Herbst 2009 durchgef√ľhrt wurden. www.elternbrief.at/de/page.asp?id=391 Diese Ergebnisse wurden im Elternbeirat den Verantwortlichen des Landesschulrats pr√§sentiert. In Anwesenheit des Amtsf√ľhrenden Pr√§sidenten wurde zugesagt, dass zuk√ľnftig wird im Rahmen der Schulinspektionen verst√§rkt auf derartige ‚Äďungesetzliche- Handhabungen geachtet werden wird.

Bleibt als letztes Mittel eine Dienstaufsichtsbeschwerde?