"Kinder wieder als Kinder sehen"

Interview von Klaus H├Âfler mit Dr. Michael Winterhoff

Kinder sind zu gleichberechtigten Partnern gewachsen, w├Ąhrend Eltern verlernt haben, "Nein" zu sagen. Alles falsch, sagt der deutsche Kinderpsychiater Michael Winterhoff. Sein Erfolgsrezept klingt dennoch einfach.

Wenn Sie in den Warteraum ihrer Praxis schauen: Haben Sie manchmal Zukunfts├Ąngste, was da f├╝r eine Gesellschaft heranw├Ąchst?

Michael Winterhoff: Es geht mir nicht um Zukunfts├Ąngste. Ich befasse mich mit der Frage, was wir heute tun k├Ânnen. Laut einer aktuellen Studie ist ein ganz gro├čer Prozentsatz der auf den Arbeitsmarkt str├Âmenden jungen Erwachsenen nicht arbeitsf├Ąhig. Diese Fehlentwicklung habe ich schon vor 15 Jahren prognostiziert. Und ich glaube, dass diese Zahl noch enorm steigt. Die Kinder von heute weisen gravierendere Entwicklungsr├╝ckst├Ąnde auf. Sie sind nicht lebenst├╝chtig und beziehungsf├Ąhig, haben aber ein hohes Anspruchs- und Versorgungsdenken.

Ist die Jugend ÔÇ×wohlstandsverwahrlostÔÇť?

Mit diesem Begriff tue ich mich schwer, weil es nicht um Eltern geht, die ihre Kinder nur ├╝berbeh├╝ten, fremdversorgen lassen und materiell ├╝berversorgen. Das Tragische ist, dass es um Eltern geht, die ihre Kinder erziehen, aber sich dabei unterbewusst auf einer Ebene befinden, auf der eine Entwicklung der Psyche beim Kind nicht entstehen kann.
Woran liegt das?
Unsere Psyche ist so angelegt, dass sie eigentlich mit jeder Situation klar kommen kann, indem sie es immer schafft, irgendwo Punkte der Normalit├Ąt festzumachen. Das nennt man Kompensation. Das Tragische ist, dass die rasante Entwicklung der letzten 15 Jahre uns derma├čen ├╝berfordert, dass wir in Gefahr sind, ├╝ber das Kind zu kompensieren. Wir leben in einer Zeit, in der es keine positive Perspektive gibt. Da fehlen Anteile im Leben wie Gl├╝cklich- und Zufriedensein. Da ist die Gefahr gro├č, dass ich mir das, was mir fehlt, ├╝ber das Kind hole: Sein Gl├╝ck ist auch mein Gl├╝ck. Daraus entsteht eine Verschmelzung der Psychen. Eltern f├╝hlen f├╝r ihr Kind, denken f├╝r ihr Kind, gehen f├╝r ihr Kind in die Schule.

Aber das Erziehungsmodell Eltern ÔÇô Kind hat ├╝ber Jahrtausende funktioniert und einen st├Ąndigen Fortschritt gebracht. Mittlerweile scheint man eine akademische Ausbildung f├╝r Elternschaft zu ben├Âtigen.
Nein, das w├╝rde keine Verbesserung bringen. Man muss Eltern nicht anlernen, wie man als Eltern funktioniert ÔÇô das passiert intuitiv aus dem Bauch heraus. Und so hat es bis vor zwanzig Jahren auch funktioniert.

Haben wir die Intuition verloren?
Nein, die ist da. Aber es ist je nach Modell, wie ich ein Kind sehe, eine andere Intuition. Durch die ├ťberforderung in der heutigen Gesellschaft hat sie sich auf verschiedene Ebenen verschoben.
Auf welche?
Schon kleine Kinder werden entweder als Partner gesehen, oder es dominiert das Konzept, dass man partout geliebt werden will ÔÇô nach dem Motto: ÔÇ×Wenn mich schon drau├čen niemand mehr liebt, dann wenigstens mein Kind.ÔÇť In so einem Fall k├Ânnen Eltern nat├╝rlich nicht ÔÇ×NeinÔÇť sagen, sodass sie das Kind nicht mehr orientieren k├Ânnen, sondern sich vom Kind orientieren lassen. Oder sie nehmen das Kind nicht als Kind und Gegen├╝ber wahr, sondern leben mit ihm in einer Symbiose. Das Kind ist quasi ein Teil von ihnen. Daher reagieren sie von au├čen betrachtet falsch. Wir reden also immer vom Kind, meinen aber vier verschiedene Modelle. In diesen unterschiedlichen Konzepten liegt das Problem: Die Kommunikation unter den Erwachsenen ist gest├Ârt, sie finden keinen Konsens mehr, wie man mit Kindern umgeht.

Welche Rolle nehmen die Gro├čeltern ein?
Deren Rolle wird immer fataler. Eine Oma h├Ątte fr├╝her ihren Enkel mit seinem Lieblingsessen verw├Âhnt, aber dabei durch Regeln sehr klar erzogen. Heute kommen auch die ├Ąlteren Menschen in der Gesellschaft nicht mehr zurecht. Sie haben keinen Platz mehr. Da kann man es den Gro├čeltern nicht verdenken, dass sie sich freuen, dass sie wenigstens die Enkel anstrahlen und lieben. Sie kaufen sich dann schnell ein, geben nach und stellen sich auf die Enkel ein. Das ist f├╝r die Entwicklung der Kinder aber fatal, weil es zu einer Machtumkehr kommt und Fehlentwicklungen mitverursacht werden k├Ânnen. Die ├Ąltere Generation h├Ątte aber enormes Potenzial f├╝r die Gesellschaft, indem man sie einbezieht und ihr eine Betreuungsaufgabe gibt, vielleicht auch ehrenamtlich au├čerhalb der eigenen Familie.

Tappt auch das Lehrpersonal an den Schulen in diese Beziehungsfalle?
Die Position des Lehrers wird immer schwieriger. Er hat immer mehr Kinder, die er gar nicht herk├Âmmlich unterrichten kann. Er hat Eltern, die m├Âglicherweise sehr negativ einmischend, aber nicht problembewusst sind. Er hat eine Schulaufsichtsbeh├Ârde, die grunds├Ątzlich den Eltern recht gibt und dem Lehrer Vorw├╝rfe macht, und er ist permanent mit Reformideen konfrontiert, die bei diesen Kindern gar nicht umsetzbar sind.

Wie l├Ąsst sich dieser Knoten durchschlagen?
Indem wir eine neue p├Ądagogische Identifikation finden. Mein Wunsch w├Ąre die Einf├╝hrung einer allgemeinen Vorschule mit einer Gruppengr├Â├če von acht bis zw├Âlf Kindern. Dort sollte es aber in keinem Fall um das Erlernen von Kulturtechniken gehen, sondern darum, dass die Kinder lernen, Strukturen zu erkennen und das Gegen├╝ber wahrzunehmen. Das w├╝rde nur bei einer ganzt├Ągigen Schulform gehen.

W├Ąre eine Gesamtschule w├╝nschenswert?
Diese ganzen Struktur- und Lerndebatten werden gar nichts bringen. Wir m├╝ssen weg davon und hin zum Erkennen, dass wir neue St├Ârungsbilder haben, die es vor zehn Jahren noch nicht gab. Im Grundschulbereich haben wir heute 60 bis 70 Prozent Kinder, die nicht dem Reifegrad der Grundschule entsprechen, sondern dem von zehn bis 16 Monaten. Sie leben nur lustorientiert, das hei├čt, im Freizeitbereich sind sie durchaus leistungsbereit, aber in einer Schule nicht. Die Respektlosigkeit, der man begegnet, gr├╝ndet daher vielfach nicht in fehlender Erziehung, sondern in fehlender Entwicklung. Und so lange das kleinkindliche Weltbild ÔÇ×Ich kann alles steuern und bestimmenÔÇť vorherrscht und das Gegen├╝ber nicht als solches erkannt wird, fehlt die Basis, um ├╝berhaupt Kulturtechniken lernen zu k├Ânnen. Das m├╝ssten wir bereit sein zu sehen. Das Problem ist aber, dass wir diese Kinder im Kindergarten und in den Schulstufen durchreichen. Sie scheitern dann sp├Ątestens im Beruf. Sie sind mit dem Reifegrad eines Kleinkindes nicht in der Lage, arbeiten zu gehen.

Das bequemste Leben hat man also, wenn man sich Kinder erspart.
Wenn man Kinder unter dem Aspekt der Bequemlichkeit sieht, mag das so sein. Wenn man aber Kinder als Kinder und den Gewinn, den man daraus zieht, sieht, ist es ein unglaublicher Schatz und eine Freude, sie beim Gro├čwerden zu begleiten. Es geht auch um den Aspekt der Aufgabe. Die Frage ist ja: Wof├╝r lebt man?

Quelle: Die Presse", Print-Ausgabe, 15.05.2011