Asperger-Syndrom

"Ich verstehe GefĂŒhle nicht!"

von: Steffen Arora (Die Presse)

Die neunjÀhrige Maria leidet unter dem Asperger-Syndrom. Sie ist einerseits hochbegabt, anderseits verhaltensauffÀllig.

Eine Kombination, die Österreichs Schulsystem ĂŒberfordert.

Maria (Name geĂ€ndert) ist ein aufgewecktes MĂ€dchen mit strahlend blauen Augen, die ihr GegenĂŒber stets genau beobachten. In diesem Blick fehlt jedoch die UnbekĂŒmmertheit, die andere Kinder an den Tag legen. Maria betrachtet ihre GesprĂ€chspartner nicht nur, sie analysiert sie angestrengt. Die neunjĂ€hrige Tirolerin leidet am sogenannten Asperger-Syndrom, einer Form des Autismus.

Diese seltene Wahrnehmungsstörung fĂŒhrt dazu, dass Betroffene Gestik und Mimik anderer nicht interpretieren können. Es fehlt ihnen sowohl das EinfĂŒhlungsvermögen in sich selbst, als auch in andere.

Marias Mutter erinnert sich an ein GesprĂ€ch mit ihrer Tochter, in dem diese fragte: „Mama, ich versteh‘ die Menschen nicht. Wie merkt man, wenn jemand freundlich ist?“ Nachdem sie ihrer Tochter erklĂ€rt hatte, dass man dies von einem LĂ€cheln oder dem sanften Ton einer Stimme ableiten kann, sagte Maria: „Komisch, ich merke das nicht.“ Dann grĂŒbelte sie kurz und fragte verunsichert: „Mama, bin ich unfreundlich?“

Asperger-Patienten fehlt die intuitive FĂ€higkeit, nonverbale Kommunikation richtig zu interpretieren. Sie mĂŒssen sie wie eine Fremdsprache erlernen.
Dieses Manko fĂŒhrt dazu, dass sie von ihrem Umfeld oft als eigenbrötlerisch oder unfreundlich wahrgenommen werden. FĂŒr die Familie ist das extrem belastend, wie die Mutter erzĂ€hlt: „Maria schreit sehr viel und unvermittelt.
Jede VerĂ€nderung im gewohnten Ablauf ist eine Katastrophe fĂŒr sie.“ Auf Außenstehende wirkt das oft verstörend, die Familie hat sogar Freunde verloren, weil diese mit Marias Verhalten nicht zurechtgekommen sind.
Auch Maria selbst hat damit zu kĂ€mpfen. Jeder Kontakt zu Gleichaltrigen fĂ€llt ihr schwer, auch wenn sie sich nichts mehr wĂŒnscht, als Freundinnen zu haben. Als Schutz vor der unverstĂ€ndlichen Welt da draußen vergrĂ€bt sie sich in ihre Welt, die Welt der BĂŒcher.

Asperger-Patienten weisen in der Regel Spezialbegabungen auf, wie das bei Autisten oft der Fall ist. Was in einer Hinsicht fehlt, ist in der anderen ĂŒber die Maße vorhanden. Albert Einstein, so wird vermutet, hatte Asperger, ebenso wie Steven Spielberg oder Bill Gates.
Von der Umwelt abgeschottet. Maria ist sprachlich extrem begabt. Im Alter von nur vier Jahren brachte sie sich praktisch selbst das Lesen bei, mit acht Jahren sprach sie nach einem Australien-Urlaub plötzlich fließend Englisch. „Das geht so weit, dass wir das Lesen zu Hause reglementieren mĂŒssen, sonst wĂŒrde sie sich komplett von der Umwelt abschotten und nichts anderes mehr tun“, sagt die Mutter. Allein in den Semesterferien hat die NeunjĂ€hrige 13 WĂ€lzer verschlungen. „Im Moment lese ich am liebsten klassische Literatur und Krimis“, sagt Maria ganz selbstverstĂ€ndlich.

So beeindruckend diese Spezialbegabung auf Außenstehende auch wirken mag, das Asperger-Syndrom ist dennoch eine schwere Krankheit, die fĂŒr Betroffene und deren Umfeld eine enorme Belastung darstellt. Offiziell gilt Maria deshalb als zu 50 Prozent behindert. Wenngleich das MĂ€dchen mit diesem Etikett ganz und gar nicht glĂŒcklich ist. „Ich bin nicht behindert“, wirft sie wĂŒtend ein, „ich fĂŒhle mich auch nicht krank. Nur manchmal etwas anders.“
Dass ihre Tochter anders ist, war den Eltern schon vor Marias Schuleintritt klar. Deshalb entschieden sie sich gegen eine Regelschule und fĂŒr die private Montessorischule „Schulgarten“ in Telfs. Eine Entscheidung, die der Innsbrucker Psychologe Mario Draxl, bei dem Maria in Behandlung ist, nachvollziehen kann: „Das System Schule ist fĂŒr Asperger-Kinder immer schwierig, weil sie nach ihren eigenen Regeln lernen wollen.“
Nach ĂŒber 20Jahren Berufserfahrung weiß Draxl, dass betroffene Kinder aufgrund ihres schwierigen Sozialverhaltens in Sonderschulen abgeschoben oder vom Unterricht suspendiert werden.
Um ihrer Tochter dieses Schicksal zu ersparen, wĂ€hlten Marias Eltern die Privatschule und zahlen seitdem monatlich 250Euro Schulgeld. FĂŒr die Familie eine große finanzielle Belastung. Doch trotz allen Engagements der Lehrerinnen im Schulgarten brĂ€uchte Maria eine zusĂ€tzliche StĂŒtzlehrkraft. Denn immer noch kommt es zu Situationen, in denen etwa ein unbekannter Geruch oder ein unvorhersehbares GerĂ€usch – Asperger-Patienten sind extrem empfindlich auf solche SinneseindrĂŒcke – Maria völlig aus der Bahn wirft. Weil Maria eine Privatschule besucht, bleibt ihr diese StĂŒtzlehrkraft aber verwehrt. Das Land Tirol, das StĂŒtzlehrer zuteilt, ist fĂŒr Privatschulen nicht zustĂ€ndig. Auf Nachfrage war dazu weder vom Landesschulrat noch von der Bildungsabteilung des Landes NĂ€heres zu erfahren. Weil, so unisono: „Wir sind nicht zustĂ€ndig.“
WĂŒrde Maria eine Regelschule besuchen, wĂ€re die StĂŒtzlehrkraft kein Problem.

Recht auf Schule. FĂŒr Marianne Schulze, Vorsitzende des UN-Monitoringausschusses zur Einhaltung und Umsetzung der UN-Behindertenkonvention in Österreich eine ebenso absurde wie bezeichnende Situation: „GemĂ€ĂŸ der UN-Konvention hat jedes Kind ein Recht darauf, die Schule zu besuchen, die seinen BedĂŒrfnissen entspricht.“ Das wĂŒrde auch, so Schulze, das Recht auf einen StĂŒtzlehrer in der Privatschule umfassen. Doch momentan sieht es danach aus, dass Maria weiter ohne diese Hilfe auskommen muss.

Diese Form des Autismus ist nach dem Wiener Kinderarzt Hans Asperger benannt, der das Syndrom 1944 beschrieb. Die Krankheit bleibt oft unerkannt oder wird erst spĂ€t – im Alter von acht, neun Jahren oder spĂ€ter – diagnostiziert. Asperger-Patienten haben eine normale bis ĂŒberdurchschnittliche Intelligenz, sind aber im Sozialverhalten auffĂ€llig.
In der Regel betrifft ihre Behinderung die sozialen FĂ€higkeiten. Ein Charakteristikum ist, dass die Betroffenen „Gesichter nicht lesen können“, das heißt die Mimik und Gestik nicht interpretieren können. Auf der anderen Seite weisen viele Betroffene Spezial- bzw. Inselbegabungen auf.

Quelle: "Die Presse", Print-Ausgabe, 05.06.2011