Ist die „Flucht“ vor der Vorschulstufe
in den häuslichen Unterricht gerechtfertigt!?


Die Steiermark ist das Bundesland, in dem am meisten SchulanfängerInnen –beschränkt auf 1 Jahr- „häuslichen Unterricht“ in Anspruch nehmen. Dies kann und muss als „Abstimmung mit den Füßen“ gesehen werden. Ist diese Flucht aus dem Anfangsunterricht der Grundschule gerechtfertigt?

Kinder, die vor dem ersten September des laufenden Jahres das sechste Lebensjahr vollenden, gelten zu Beginn des Schuljahres im September als schulpflichtig. Unabhängig von ihrer körperlichen, geistigen und sozialen Entwicklung sind sie daher in die Schule aufzunehmen.

Falls nicht alle Kinder die für den erfolgreichen Schulbesuch notwendigen Entwicklungsstand aufweisen („mangelnde Schulreife“), muss die Grundschule in der Grundstufe I
ü mit einem getrennten Angebot von Vorschulstufe (=Vorschulklasse) sowie 1. und 2. Schulstufe geführt werden, oder –was viel häufiger eintritt-
ü es hat ein gemeinsames Angebot von Schulstufen der Grundstufe I zu geben hat. (SchOG §12 Abs.2 Z.2).

Ein Bedarf am Angebot der Vorschulstufe kann auch dadurch begründet werden, dass
ü Kinder während des Unterrichtsjahres von der ersten Schulstufe in die Vorschulstufe wechseln (gem. SchUG §17 Abs.5 ist innerhalb der Grundstufe I der Wechsel von Schulstufen während des Unterrichtsjahres gestattet).

Diese Regelungen des §12 SchOG und §17 SchUG sollen gewährleisten, dass
v der Lernsituation des Kindes bestmöglich entsprochen und
v eine Über- oder Unterforderung vermieden wird.

Dass Kinder, die die Schulreife nicht aufweisen, nach dem Lehrplan der Vorschulstufe zu unterrichten sind, ist evident. Dieser Lehrplan ist auch als eigener Teil des Lehrplans der Grundstufe I ausgewiesen und seine Erfüllung wird nicht überprüft. Im Idealfall führt die Absolvierung seiner Inhalte zum Erreichen der Schulreife.

Weniger klar scheint, was mit jenen Kindern zu geschehen hat, die in die 1. Klasse aufgenommen wurden, schulreif aber
ü sogenannte „langsame Lerner“ oder
ü „Langsamstarter“ sind.

Weil der für alle Kinder anzuwendende Teil des GrundstufeI – Lehrplans (d.i. jener für die 1. und 2. Schulstufe) als ein Gesamtpaket formuliert ist, sind
ü für „langsame Lerner“ die Inhalte des Lehrplans der Grundstufe I in 3 „Portionen“ aufzuteilen, bzw.
ü für „Langsamstarter“ das erste „Lernpaket“ kleiner und dafür das zweite größer zu portionieren.
Im ersten Schuljahr wären beide Gruppen „gleich weit hinten“ bezogen auf die fiktive Lehrplanportion für die 1. Klasse, die von vielen Lehrperson fälschlich als „Lehrplan der 1.Klasse“ dargestellt wird. Im zweiten Schuljahr könnten die Einen noch immer nicht den gesamten Lehrplan der Grundstufe I erledigt haben, die Kinder der anderen Gruppe jedoch schon.
So müssten die „langsamen Lerner“ zur Erfüllung des für alle verpflichtenden Teil des Lehrplans der Grundstufe I (d.i. LP für die 1. und 2. Schulstufe) drei Jahre zugebilligt bekommen. Damit dies auch rechtlich abgesichert ist, muss spätestens vor Beendigung des zweiten Schuljahres der Schulstufenwechsel festgestellt werden, sodass die Kinder ein weiteres Jahr in der Grundstufe I verbleiben können. (Siehe dazu auch den aktuellen Erlass des Landesschulrats für Steiermark)

Auch punkto Leistungsbeurteilung ermöglicht es das Gesetz, diesen unterschiedlichen Lehrplananforderungen gerecht zu werden. Denn Maßstab für die Beurteilung der Leistungen sind die Forderungen des Lehrplans unter Bedachtnahme auf den jeweiligen Stand des Unterrichtes (SchUG §18 Abs.1). Der Maßstab der Leistungsbeurteilung ist ein von der Beurteilung anderer Schüler unabhängiger!! So kann es durchaus sein, dass Kinder derselben Klasse der Grundstufe I in einem Unterrichtsgegenstand dieselbe Note haben, obwohl sie noch nicht „gleich viel“ gelernt haben.

Die tatsächliche Handhabung sieht vielfach anders aus. Kinder werden wie „Klassenwiederholer“ behandelt.
- Wurden sie –weil nicht schulreif- in die Vorschulstufe aufgenommen, finden sie sich meist in einer als „1. Klasse“ bezeichneten Gruppe und müssen mit Ende des Jahres ihre Klassengemeinschaft aufgeben und aus ihrer Sicht nochmals in die „1. Klasse“ gehen.
- Sind sie beim Lernen in ihrem ersten Jahr nicht so schnell wie vorgesehen, bleiben sie also hinter „den anderen“ zurück, werden sie in ihrem ersten Schuljahr „abgestuft*“ und müssen in ihrem zweiten Jahr als Schulkind nochmals in die „1. Klasse“ gehen.

*Ein derartiger Wechsel von Schulstufen kann in dieser Situation nur ein Wechsel in die Vorschulstufe sein. Die Vorschulstufe ist jedoch nur für Kinder vorgesehen, die nicht schulreif sind. So werden diese Kinder während ihres ersten Schuljahres „hinter den Start zurück“ versetzt um dann zu Beginn ihres zweiten Schuljahres nochmals an den Start zu gehen.

(Auch) Über derartige „Umstufungen“ hat die Schulkonferenz zu entscheiden. Diese Entscheidung ist unter Angabe der Gründe und der Rechtsmittelbelehrung den Erziehungsberechtigten zu übermitteln. Das wird seitens der Schule oft dadurch vermieden, dass den Eltern „empfohlen“ wird, ihr Kind „freiwillig wiederholen“ zu lassen.

So nimmt es nicht wunder, dass allein schon die Ankündigung eines Erlasses, der auf die Gesetzeslage verweist und die gängige Praxis des „Wiederholens“ als nicht erlaubt darlegt, zu großer Aufregung führt. Eltern bzw. ElternvertreterInnen werden informiert/mobilisiert und mit verschiedenen Behauptungen beunruhigt, zB:
Das Wiederholen der ersten Klasse würde nun verboten.(sic!)
Kinder, die den Lehrplan der 1. Klasse (!?) nicht erfüllen, müssten nun „mitgeschleppt“ werden, damit keine Probleme mit den Klassenschülerzahlen entstünden, etc.

Diese Einstellungen und die Schwierigkeit, nicht schulreife Kinder in den Schulalltag einzubinden, führ(t)en dazu, dass immer mehr Eltern dieses Risiko des ersten Schuljahres scheuen und ihre Kinder lieber ein Jahr später in die Schule schicken. Viele Eltern von schulpflichtigen Kindern, die Zweifel an der „Schultüchtigkeit“ ihres Kindes haben, ziehen die „sichere Variante“ vor und wählen im ersten Schuljahr den „häuslichen Unterricht“.
Dadurch dass diese Kinder, die ja ebenso wie die Kindergartenkinder nicht reif für die Schule sind, den Kindergarten besuchen dürfen, müssen sie in diesem Jahr des „häuslichen Unterrichts“ nicht auf die so wichtigen sozialen Kontakte verzichten. Dies ist eine großartige Möglichkeit, um die uns Eltern und Kinder in anderen Bundesländern beneiden.

Vor Einführung dieses „neuen Schuleingangs“, in einer Zeit als es noch ein großzügiges Angebot an Vorschulklassen gab, das von den Eltern gerne angenommen wurde, unterstellte man, Eltern würden die Vorschulklasse dem Kindergarten vorziehen, weil diese nichts koste. Dies haben wir immer mit dem Argument zurückgewiesen, dass Eltern jenes Angebot wählen, das den Bedürfnissen der nicht schulreifen Kinder am ehesten gerecht wird. Dies war/ist die Vorschulklasse bzw. wenn es die Vorschulklasse nicht gibt, der Kindergarten.
Will man mehr Kinder aus der Gruppe der schulpflichtigen aber nicht schulreifen Kinder in die Schule bringen, so darf das nicht über eine Abschaffung des Kindergartenbesuchs erzwungen werden (es würde nicht gelingen und wäre zum Schaden von Kindern), sondern muss durch ein überzeugendes schulisches Angebot mit gutem Unterricht bewirkt werden.

Im Erlass des Landesschulrats „Pädagogische Richtlinien: Vorschulstufe…“ wurden diese Problemstellungen aufgegriffen. Wir hoffen, dass er Anlass gibt zu gemeinsamen Überlegungen und Umsetzungsstrategien der Schulpartner vor Ort. Ilse Schmid