"Lasst sie MÀnner sein" »Lasst sie MÀnner sein«

Jungen stehen im Schatten leistungsfÀhiger MÀdchen. Es wird Zeit,
ihnen zu helfen

Erziehung

Von Klaus Hurrelmann und Gudrun Quenzel

Als in den 1960er Jahren in Deutschland von einer »Bildungskatastrophe« die Rede war, galt das »katholische MĂ€dchen vom Lande« als besonders benachteiligte Spezies. Heutzutage sind es die jungen MĂ€nner, die die deutsche Bildungsbilanz trĂŒben. Sie fallen durch ihre mittelmĂ€ĂŸigen Leistungen auf, sie dominieren die SchĂŒlerschaft an den Haupt− und Förderschulen, sie verlassen die Schule hĂ€ufiger als die jungen Frauen ohne
Abschluss. Sie fallen leistungsmĂ€ĂŸig weiter zurĂŒck und können im historischen Vergleich als »Bildungsverlierer« bezeichnet werden.

Das Kapitel »Geschlecht und Schulerfolg« muss neu geschrieben werden. In den USA ist der Vormarsch der jungen Frauen in den Colleges und UniversitĂ€ten ein großes Thema. Auch ihre Erfolge beim Einstieg in lukrative Berufslaufbahnen sorgen fĂŒr Aufmerksamkeit. Ganz so weit ist es bei uns noch nicht. Aber es scheint, als hĂ€tten auch in Deutschland die jungen MĂ€nner den Anschluss an die Erfordernisse der modernen Leistungswelt verpasst.

Wie konnte das geschehen? In den Bildungsstatistiken ist klar abzulesen: Der relative Leistungsabfall der MÀnner begann schon vor 20 Jahren. Er ist zunÀchst nicht aufgefallen, weil nach wie vor in der
Gesamtbevölkerung der Anteil von MĂ€nnern, die gute Schul−, Hochschul− und BerufsabschlĂŒsse erwerben, deutlich höher ist als der von Frauen. Greifen wir aber gezielt die JĂŒngeren heraus, Ă€ndert sich das Bild. In den jĂŒngsten Statistiken liegen die MĂ€dchen in der Schule bei den mittleren und den höchsten AbschlĂŒssen vorn. Der Anteil weiblicher SchĂŒler an den Gymnasien wĂ€chst, wĂ€hrend an den Hauptschulen, den Sonder− und den Förderschulen die mĂ€nnlichen SchĂŒler dominieren. Inzwischen verlassen fast doppelt so viele MĂ€nner die Schule ohne Hauptschulabschluss wie junge Frauen. Heute erwirbt etwa ein Drittel der jungen Frauen die Hochschulreife, wĂ€hrend es bei den jungen MĂ€nnern nur ein Viertel so weit schafft.

MĂ€nner verkennen die Spielregeln der modernen Leistungsgesellschaft

Die Pisa−Studie zeigt weltweit einen bedeutenden Vorsprung der MĂ€dchen gegenĂŒber den Jungen in der so wichtigen Lesekompetenz. In den meisten europĂ€ischen NachbarlĂ€ndern und in den USA wird inzwischen auch die Studentenschaft von den jungen Frauen dominiert. Es wird nicht mehr lange dauern, dann werden auch die deutschen Hochschulen ĂŒber das bessere Abschneiden der jungen Frauen bei PrĂŒfungen berichten können. Die Ausstrahlung auf erfolgreiche Karrieren und höhere Einkommen wird sich etwas lĂ€nger hinziehen, aber sie ist programmiert.

Die Kinder− und Jugendstudien der letzten Jahre geben erste Hinweise auf die Ursachen. Die World Vision Kinderstudie von 2007 dokumentierte schon bei den GrundschĂŒlern große Geschlechts-unterschiede im Blick auf die Bildungsziele. Die MĂ€dchen wollen deutlich hĂ€ufiger als die Jungen eine anspruchsvolle
Bildungslaufbahn am Gymnasium mit Abitur als Fernziel durchlaufen. Sie sind ehrgeiziger als die Jungen. Sie fallen zudem durch ein viel kreativeres Freizeitverhalten auf. Steht bei allzu vielen Jungen die stundenlange BeschÀftigung mit elektronischen Medien im Vordergrund, so kombinieren die meisten MÀdchen die
medialen Anregungen mit alle Sinne ansprechenden AktivitÀten. Handarbeit, Tanzen, Sport, Musizieren und Basteln sind bei ihnen viel stÀrker verbreitet als bei Jungen.

Das wenig anregende Freizeitverhalten der Jungen hat eindeutig negative Effekte auf ihre Lern− und Bildungsmotivation. Denn durch Fernsehen, Computer und Spielkonsolen werden ĂŒber viele Stunden am Tag der Sehsinn und der Hörsinn bis zum Gehtnichtmehr trainiert, aber andere wichtige Entwicklungsimpulse bleiben aus. Wie die Hirnforschung bestĂ€tigt, kommt es bei einer solchen einseitigen Anregung nicht zu der fĂŒr eine gesunde Entwicklung notwendigen Verschaltung von Sinneszentren und entsprechend auch nicht zu
optimalen sozialen, emotionalen und intellektuellen Kompetenzen.

Wie die Shell−Jugendstudie aus dem Jahre 2006 zeigt, setzen sich die Entwicklungen im Jugendalter fort. Die jungen Frauen sind ehrgeiziger und schulisch erfolgreicher. Das traditionelle Frauenbild mit der Orientierung an den drei K, Kinder, KĂŒche und Kirche, findet nur noch bei 20 Prozent von ihnen Resonanz. Alle anderen haben als viertes K die Karriere hinzuoptiert. Die jungen Frauen wollen Bildungs− und Berufserfolg mit Familie, Kindern, Haushalt und Partnerbeziehung verbinden.

Die jungen MÀnner ziehen hier nicht mit. Nur eine Minderheit von ihnen kann sich eine echte Arbeitsteilung mit der spÀteren Partnerin vorstellen. Sie klammern sich am traditionellen MÀnnerbild mit der Fixierung auf das eine K der Karriere fest. Sie glauben, als Angehörige des mÀnnlichen Geschlechts nach wie vor eine garantierte Option auf den beruflichen Erfolg und die Rolle des FamilienernÀhrers zu haben. Entsprechend wenig Ehrgeiz wird deswegen in die Schule investiert.

Auch die gesundheitsorientierten Kinder− und Jugendstudien der international vergleichenden Studie Health Behavior in School Children im Auftrage der Weltgesundheitsorganisation, die wir an der UniversitĂ€t
Bielefeld koordinieren, geben Hinweise auf die HintergrĂŒnde der Leistungsmalaise der jungen MĂ€nner. Das traditionelle MĂ€nnerbild herrscht in fast allen europĂ€ischen LĂ€ndern auch bei den Jugendlichen noch vor. Es ist durch ein instrumentelles VerhĂ€ltnis der jungen MĂ€nner zu ihrem Körper geprĂ€gt. Völlig anders bei den MĂ€dchen und den jungen Frauen. Sie bauen spĂ€testens mit der ersten Menstruation ein sensibles und sehr bewusstes VerhĂ€ltnis zu ihrem Körper auf.

FĂŒr den jungen Mann gilt traditionell als charakteristisch, Belastungen des Körpers und der Psyche heroisch zu ertragen. Weint ein Junge, dann riskiert er seinen Platz in der mĂ€nnlichen Hierarchie. Das ist bei den MĂ€dchen ganz anders, und entsprechend fĂ€llt es ihnen leichter, sich bei Anspannungen und bei Belastungen, auch bei Leistungsproblemen anderen gegenĂŒber zu öffnen. Die jungen MĂ€nner hingegen sind in ihrer Geschlechtsrolle befangen und schneiden sich damit von möglichen kritischen und selbstkritischen Impulsen
fĂŒr ihre Weiterentwicklung ab. Das ĂŒbertrĂ€gt sich indirekt auf ihre LeistungsfĂ€higkeit. Die Studien zeigen nĂ€mlich, wie unrealistisch ihre subjektive EinschĂ€tzung von Begabung und FĂ€higkeiten ist. Die Jungen
glauben nicht nur, sie seien körperlich unbesiegbar, sie glauben fatalerweise auch, in der Schule richtig gut abzuschneiden, auch wenn das nicht der realen Bewertung entspricht.

Wie ist das alles zu erklÀren? In den USA versuchen Bildungsforscher schon seit einigen Jahren, den Zusammenhang zwischen mÀnnlichem Geschlecht und abfallenden Schulleistungen zu erklÀren. Sie finden
Belege dafĂŒr, dass Frauen deshalb so viel in die Bildung investieren, weil sie im Unterschied zur Generation ihrer MĂŒtter damit eine hohe persönliche Rendite einfahren. Als das bisher benachteiligte Geschlecht in Bildung und Beruf entdecken die jungen Frauen die Mechanismen des Aufstiegs durch Leistung und machen sie sich zunutze. Die MĂ€nner verschlafen diese Entwicklung, weil sie glauben, der hohe soziale Status sei fĂŒr sie gesichert. Sie verkennen die Spielregeln der modernen Leistungsgesellschaft.

Aber weshalb geht die Schere der LeistungsfĂ€higkeit schon im Vorschul− und Grundschulalter zwischen den beiden Geschlechtern auf? Hier setzen Forscher aus Großbritannien und anderen europĂ€ischen LĂ€ndern an. Sie fahnden nach den im Schulalltag verankerten Benachteiligungen von Jungen. Sie thematisieren die
»Verweiblichung« der pĂ€dagogischen Beziehungen. In Familien verbringen Kinder bis zu 80 Prozent der Zeit mit MĂŒttern, in KindergĂ€rten und in der Grundschule begegnen sie ebenfalls nur selten mĂ€nnlichem Personal.
Entsprechend fehlen den Jungen die sozialen Modelle dafĂŒr, wie sie als Exemplare des mĂ€nnlichen Geschlechtes mit Belastungen und Herausforderungen des Lebens umgehen können. Im Unterricht und im
tĂ€glichen Umgang sind bei der weiblichen Übermacht zwangslĂ€ufig typisch weibliche Muster vorherrschend, was die LeistungsfĂ€higkeit der mĂ€nnlichen SchĂŒler weiter einschrĂ€nken könnte.

Definitive Belege fĂŒr diese These gibt es bisher nicht, wohl aber Hinweise darauf, wie wichtig soziale Modelle fĂŒr das Mannsein ebenso wie fĂŒr das Frausein sind, sollen sich die Kinder gesund entwickeln. FĂŒr die Bildungspolitik heißt das: Es ist wichtig, den Anteil der MĂ€nner sowohl in der Familienerziehung als auch der professionellen Erziehung in öffentlichen Einrichtungen zu erhöhen.

FĂŒr eine umfassende politische Antwort reichen solche Schritte nicht aus. Um eine intensive Jungen− und MĂ€nnerförderung kommen wir nicht herum, wenn der Trend des Leistungsabfalls der Jungen gestoppt werden soll. Die MĂ€dchen− und Frauenförderung, die seit den 1970er Jahren große Wirkung erzielt hat, gibt das Vorbild. Wie wurde dabei vorgegangen? Es ging zunĂ€chst darum, die StĂ€rken der jungen Frauen zu sichern.
Dann in einem zweiten Schritt ihre SchwÀchen zu identifizieren und durch gezielte Impulse auszugleichen.
MÀdchen wurden ermuntert, sich Leistungsareale anzueignen, die bis dato als typisch mÀnnlich galten.

Jungen brauchen Bewegung in jeder Unterrichtsstunde, nicht nur im Sport

Genau diese Muster sollten jetzt fĂŒr die Jungenförderung Pate stehen. Sollen die Jungen in ihrer Kompetenzentwicklung positiv beeinflusst werden, mĂŒssen sie also in ihren typisch mĂ€nnlichen Eigenschaften gestĂ€rkt und in ihren bisher erfolgreichen schulischen AktivitĂ€ten bestĂ€tigt, zum anderen aber in ihren Schwachzonen gezielt aufgebaut werden. Das Fernziel der MĂ€nnerförderung ist dann, analog zur
Frauenförderung, die Fixierung auf die traditionelle Geschlechtsrolle abzubauen und zu einem flexibleren VerstĂ€ndnis von Mannsein zu kommen. Das ist die wichtigste Erkenntnis der Studien: Die LeistungsfĂ€higkeit der jungen MĂ€nner kann effektiv nur dann gefördert werden, wenn ihre gesamte Perspektive der LebensfĂŒhrung inklusive ihres Körper− und Begabungsselbstbildes zum Thema wird.

Wie könnte ein solches Förderprogramm aussehen? Eine wichtige Komponente wĂ€re das Zulassen mĂ€nnlicher Eigenarten und Absonderlichkeiten im Unterricht, um die Jungen, pĂ€dagogisch gesprochen, »dort abzuholen, wo sie gerade stehen«. Sie mĂŒssen die Gelegenheit haben, als machtvoll und ĂŒberlegen aufzutreten, den
sozialen Raum um sich herum zu erobern und die besonderen Formen der mĂ€nnlichen Selbstbehauptung zu praktizieren. Sie mĂŒssen »Mann« sein dĂŒrfen. Entsprechend wichtig sind Bewegungsimpulse nicht nur im
Sport und in den Pausen, sondern möglichst in jeder Stunde. Der Unterricht sollte es den Jungen ermöglichen, körperlich aktiv und unruhig zu sein, ohne dass damit Störungen einhergehen. Auch sollten typisch mÀnnliche Formen von AggressivitÀt zugelassen werden, um sie aufzunehmen und in konstruktive Bahnen zu lenken.

Zum optimalen Förderprogramm gehört auch das Training von KörpersensibilitĂ€t. Lernen sie, die Grenzen ihrer Körperkraft richtig einzuschĂ€tzen, können sie mit ihren StĂ€rken und SchwĂ€chen besser umgehen. Dieses ĂŒbertrĂ€gt sich auf ihren Umgang mit intellektuellen Leistungen und schĂŒtzt sie vor FehleinschĂ€tzungen. Im Unterricht ist deshalb die realistische RĂŒckmeldung der erreichten Leistung von grĂ¶ĂŸter Bedeutung. Nur damit lĂ€sst sich der notorischen SelbstĂŒberschĂ€tzung der jungen MĂ€nner Paroli bieten. Zugleich brauchen sie gezielte UnterstĂŒtzung, um aus Fehlern und Versagen zu lernen. Sie mĂŒssen in Ausdauer ebenso trainiert werden wie in ihrer FĂ€higkeit, verschiedene Anforderungen miteinander zu koordinieren, den Tageslauf zu antizipieren und ihre Arbeitspensen zu strukturieren.

Schließlich ist eine klare und transparente Festlegung von Regeln des Umgangs in der Klassengemeinschaft fĂŒr Jungen von erheblich grĂ¶ĂŸerer Wichtigkeit als fĂŒr MĂ€dchen. Diese schaffen es mit typisch weiblicher SensibilitĂ€t sehr schnell, den sozialen Code des Umgangs in der Gruppe zu entschlĂŒsseln. Das fĂ€llt den machtorientierten und instrumentell eingestellten Jungen sehr schwer. Sie mĂŒssen erst Freude am Leben in einer Gemeinschaft entwickeln können, auf die Reize von Harmonie und Aufgehobenheit in der Gruppe aufmerksam werden und dabei lernen, Vereinbarungen einzuhalten. Hier könnte eine strukturelle Benachteiligung von Jungen im heutigen Unterricht liegen. Durch AnsĂ€tze des »offenen Unterrichts« und
unstrukturierte, auf Harmonie und KonfliktunterdrĂŒckung ausgerichtete pĂ€dagogische Arbeit, die vielerorts vorherrscht, haben MĂ€dchen bessere Entfaltungsmöglichkeiten als Jungen. Ein gut strukturierter und
regelgeleiteter Unterricht, das hat schon die ReformpĂ€dagogik in den 1920er Jahren immer wieder betont, schafft klare Erwartungen und drĂŒckt gleichzeitig WertschĂ€tzung fĂŒr jedes Gemeinschaftsmitglied aus. Das brauchen Jungen heute, um sich in die Welt der schulischen Leistung einfĂŒgen zu können. Kommt ihnen diese Welt allzu weiblich daher, dann stellen sich bei ihnen FremdheitsgefĂŒhle ein, und sie können keine guten Fachleistungen abliefern.

Es hat sehr lange gedauert, bis die Benachteiligung der MĂ€dchen und Frauen als inakzeptabel wahrgenommen wurde und Gegenstrategien als notwendig galten. Nun droht eine Benachteiligung der jungen MĂ€nner. Auch sie haben ein Anrecht darauf, Geschlechtergerechtigkeit zu erfahren.

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Knabenchöre gelten vielen als verstaubte Drillanstalten. Mit der Diskussion um eine neue JungenpÀdagogik
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