Wozu brauchen Eltern brave Kinder?

Der Psychotherapeut GĂŒnter Funke, Berlin, ĂŒber ElternĂ€ngste und
Erziehungsziele, ĂŒber Bravsein und Lebens(un)tĂŒchtigkeit

Es ist ein GlĂŒck, daß heute niemand mehr wirklich sagen kann, auf welches Ziel hin Kinder erzogen werden mĂŒssen. Niemand kann heute noch seriös voraussagen, was ein Kind können muß, wenn es erwachsen ist. Das ist eine Chance, Kinder zu sich selbst finden zu lassen, betont der Theologe und Therapeut GĂŒnter Funke.

Der Berliner Theologe und Psychotherapeut GĂŒnter Funke ist auch in Österreich ein gefragter Referent. Die Erziehung der Kinder und ihre Auswirkung auf das spĂ€tere Leben stehen dabei meist im Mittelpunkt. „Kommen brave Kinder gut durchs Leben?“ war die Frage, die ihm kĂŒrzlich in Linz gestellt war. Funke meint, daß unbedeutend
sei, ob ein Kind „brav“ sei oder nicht. Es gehe in der Erziehung letztlich darum, daß ein Kind sich selbst findet. Kinder zu schnell zu funktionalisieren, was Schule – trotz anderslautenden Behauptungen – immer noch tue, sei Ă€ußerst problematisch.
Anpassung – ein anderes Wort fĂŒr Bravsein – könne unter UmstĂ€nden eine hohe soziale Leistung sein, auf der anderen Seite aber eine psychische SchwĂ€che. „Ich glaube nicht, daß ein Kind aus eigenem Antrieb ,brav‘ sein kann“, sagte Funke.

Angst will brave Kinder

„Der Sinn der Kindheit ist die Selbsterprobung des Lebens“, ist der aus der Schule der Existenzanalyse und Logotherapie Viktor Frankls kommende Funke ĂŒberzeugt. Eltern, die die Frage zulassen, wozu sie eigentlich brave Kinder brauchen, kommen vielfach darauf, daß es ihre eigene Angst ist, die brave und pflegeleichte Kinder will.
Wer nicht versucht, seinen eigenen Ängsten auf die Spur zu kommen und damit umgehen zu lernen, ist in Gefahr, das Kind zum Ersatz fĂŒr den Umgang mit seinen Ängsten zu machen. Und das kann nie zum Besten des Kindes sein. „Die Angst von Eltern, ,was sagen die anderen Leute?‘, ist die wichtigste Miterzieherin, gerade wenn es um die Forderung nach guten Schulleistungen geht, weiß Funke aus der Praxis und erinnert daran, daß es auch ein Leben jenseits der Leistung gibt.

RĂ€ume zur Selbstfindung

Durch Regeln und Verbote autoritĂ€r Grenzen zu setzen, wie es als Reaktion auf allzugroße WillkĂŒr heute zu fordern wieder modern geworden ist, hĂ€lt Funke nicht fĂŒr einen zielfĂŒhrenden Weg. Vielmehr gibt er die einfache physikalische Tatsache zu bedenken, daß ein Raum sich durch Grenzen definiert – sonst ist er kein Raum. So gesehen sind die Grenzen der FreirĂ€ume, die Kinder unbedingt fĂŒr ihre Selbsterfahrung brauchen, die anderen Menschen, mit denen sie in einer Beziehung stehen. Eltern – und andere Erwachsene –, die sich selbst ernst nehmen, sind diese Grenzen. In Begegnung und Auseinandersetzung mit diesen Personen kann ein Kind die Erfahrung machen, daß es „verstanden, ernst genommen und gemeint ist“ und so
zu sich selbst finden. Sinn und Ziel jeder Auseinandersetzung ist das gegenseitige VerstÀndnis, was aber nicht mit dem Durchsetzen des eigenen Standpunkts zu verwechseln ist. Funke:
„Nur wer nicht verstanden ist, muß recht haben.“ Denn das Leben ist mehr als ein „Entweder – Oder“. Es ist meistens ein „Sowohl –als auch“.

Warmherzigkeit geht verloren

Nach einer Studie des Linzer IMAS-Institutes haben sich in den letzten 25 Jahren die Erziehungsziele der Eltern deutlich gewandelt.

ReligiositĂ€t, SolidaritĂ€t und Toleranz sind die „Verlierer“, Ehrgeiz,
Durchsetzungsvermögen und IndividualitĂ€t sind die neuen „Werte“.

„Das zwischenmenschliche Klima wird kĂŒhler, sachlicher, hĂ€rter, rubuster, Warmherzigkeit geht verloren.“ So faßte der Chef des IMAS-Institutes, Andreas Kirchhofer, seine Studie ĂŒber die Ziele der Kindererziehung zusammen. In den letzten 25 Jahren haben sich die Ziele, wozu man Kinder erziehen sollte, einschneidend verĂ€ndert.

Bedeutend weniger wert als frĂŒher ist den Eltern die Erziehung zur „Höflichkeit“ (minus 16 Prozent), zu „Glaube und Frömmigkeit“ (minus 15%), zu „Gehorsam“ (minus 14%), zu „Umweltbewußtsein“ (minus 13%) und zu Toleranz z. B. gegenĂŒber AuslĂ€ndern (minus 6%).

Als neue „Modetugenden“ hinzugewonnen haben Erziehungsziele wie „kritisches Bewußtsein und Unangepaßtheit“ (plus16%),
„Wissensdurst“ (plus 15%), „Ehrgeiz“(plus 11%),
„Durchsetzungsbereitschaft“, „Erfolgsdenken“ und „HĂ€rte“ (plus 9%).

Reihung der Erziehungsziele:
Gesund leben (58%)
Sparsam sein (54%)
Lernbegierig sein (54%)
Höflich, freundlich sein (47%)
Umweltbewußt sein (45%)
Ehrgeizig sein (44%)
Offen die Meinung sagen (42%)
Sich anpassen (39%)
Diszpliniert sein, sich immer beherrschen (39%)
Gehorsam (36%)
Heimatliebe (36%)
Hart sein, sich durchsetzen (33%)
Zufrieden sein (32%)
FĂŒr Gemeinschaft tĂ€tig sein (30%)
Tolerant sein gegenĂŒber AuslĂ€ndern (28%)
Opferbereit sein, sich fĂŒr andere einsetzen (27%)
Frömmigkeit, Glaube (22%)
Maria Hauer KIZ Ausgabe 1999/14