Elternbrief Oktober / November 2008

Erltern-mit-Wirkung?

Interaktionen stecken voller Tücken. Ihre Abläufe sind oft konträr zu den guten Absichten und stiften so Verwirrung.
Beim Versuch, die Missverständnisse aufzuklären, werden oft neue Missverständnisse geschaffen. Aus verschiedenen Untersuchungen geht hervor:
• Dass ein beträchtlicher Teil der Eltern meint, LehrerInnen seien
an einer Kooperation mit ihnen nicht wirklich interessiert,
• Dass Eltern sich nicht ernstgenommen fühlen,
• Dass viele Eltern darauf verzichten, an der Schule oder an
Lehrpersonen Kritik zu ĂĽben, weil sie Nachteile fĂĽr ihre Kinder
fĂĽrchten,
• Dass sich Eltern nicht „echt“ sondern taktisch verhalten,
• Dass Eltern versuchen, die Begegnungen mit Lehrpersonen auf ein
Minimum zu beschränken,
• Dass Eltern negative Emotionen entwickeln, die nur außerhalb der
Schule geäußert werden.
Dem gegenĂĽber steht der Befund, dass eine Mehrheit der Lehrpersonen
den Eltern fehlendes oder ausschlieĂźlich egoistisches Interesse an der Schule unterstellt.
Zitat: „Eltern sind froh, wenn sie sich um ihre Kinder nicht kümmern
müssen.“
Das klingt, als ob Lehrpersonen die Zusammenarbeit mit Eltern wünschen und schätzen würden, aber Eltern leider dazu nicht bereit sind. Wie kommt es da, dass engagierte ElternvertreterInnen resignieren?
Eine Erklärung liefert nachstehendes Untersuchungsergebnis:
§ Die meisten Lehrkräfte sind bereit, Gespräche zu führen, lassen sich aber von den Eltern wenig beeinflussen.
ElternvertreterInnen fühlen sich auf das Organisieren von Festen und Aktionen, die der Geldbeschaffung dienen, beschränkt. Andere Beiträge, die sich auf Erziehung und Unterricht beziehen, werden als unzulässige Einmischung, unangebrachte Kritik oder gar Brüskierung zurückgewiesen.
Echte Kommunikation kommt oft gar nicht zustande. Denn dies erfordert, dass
o man sich verständlich machen kann (Verständigung) und
o die andere Person einen
verstehen kann und will,
Inter-esse am Gegenüber hat, und die Fähigkeit zum Perspektiven-wechsel (wie stellt sich die Sache für den anderen dar?…)

Kann Elternmitwirkung ĂĽberhaupt
mit Wirkung sein?

In seiner Untersuchung (1997) schreibt Werner Specht: „es gibt viele Hinweise, dass Elternvertreter an den Schulen geringgeschätzt, abgelehnt, manipuliert, als „Stimmvieh“ missbraucht
werden…“; und Ferdinand Eder stellte fest:
Der Kontakt mit Eltern wird nur gesucht, wenn es mit einem SchĂĽler Probleme gibt (48%). Zusammenarbeit mit der Schule heiĂźt fĂĽr Eltern oft, dass wir gesagt bekommen, was wir mit unseren Kindern tun sollen (48%).
Aus unseren täglichen Elternkontakten via Hotline oder bei Versammlungen und Vorträgen müssen wir schließen, dass diese Befunde noch immer Aktualität haben und sich die Grundproblematik
nicht (wesentlich) zum Besseren entwickelt hat.
Interaktionspartner neigen oft dazu, ihr Verhalten nach der(vermuteten) Art der Beziehung auszurichten und bewirken so, dass genau diese Art von Beziehung entsteht.
Im Problemfall ein Teufelskreis!
Dennoch bzw. gerade dann sind Eltern es ihren Kindern schuldig, dass sie sich weiter um Kooperation mit der Schule bemĂĽhen. Kinder sollen
erleben, dass ihre Eltern in der Lage und willens sind, zufrieden-stellende Lösungen auszuhandeln und deren Umsetzung unterstützen.
Durchtauchen, alles aushalten und erdulden Lernen, oder gar „hinter dem Rücken“ Schimpfen sind keine guten Erziehungsziele. Vielmehr sollten Kinder vorgelebt bekommen, dass konstruktive Kritik ein wertvoller Beitrag zur Qualitätssicherung und –entwicklung ist.
Deshalb unterstützen wir als Landesverband Eltern bei ihren Gesprächen mit der Schule bzw. den Lehrkräften. Wir ermuntern die
Beteiligten, ihre unterschiedlichen Anschauungen auf den Tisch zu legen und sprechen, wenn erforderlich stellvertretend, „wunde Punkte“ an.
Wir ermöglichen das Erkennen von gemeinsamen Zielen und das Finden
gemeinsamer Handlungsmöglichkeiten. Wir fordern heraus, dass die
Beteiligten sich in die jeweils andere Situation hineinversetzen, um sich die Rollenbezüge sowie etwaige Handlungszwänge des anderen vorstellen zu können (Perspektivenwechsel).
Wichtig ist uns, dass der gemeinsame Nutzen der Kooperation erfahrbar
und eine Veränderung der Deutungsmuster möglich wird (positive Einstellung zueinander führt zur Wahrnehmung
von Ă„hnlichkeiten, negative Einstellung
sucht nach Trennendem).

I.S.